28.04.2022 | Forschung | Dozierende

IOP trifft Praxis: "Wege in die Energiezukunft: Klimawandel meistern mit Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft"

Das Institut für Organisation und Personal tritt zweimal im Jahr in den Austausch mit der Praxis. Im März 2022 konnte dieser endlich wieder vor Ort stattfinden. Die Anmeldungen zeigen das breite Interesse am Klimawandel und seinen vielschichtigen Herausforderungen auf.

April 2022

Text von Anna Lange und Noel Strahm

Die Veranstaltung IOP trifft Praxis fand am 23. März 2022 zum elften Mal wiederum im Kuppelsaal der Universität Bern statt. Sie wurde von Frau Prof. Dr. Frauke von Bieberstein eröffnet, die in Ihrer Begrüssung die Wichtigkeit ansprach, welcher dem Thema der Energiezukunft zukommt. Auch die momentanen weltpolitischen Geschehnisse, besonders der Russland-Ukraine-Konflikt, unterstreichen die Dringlichkeit eines Transformationsprozesses für die Zukunft der Energieversorgung und eine notwendige Distanzierung von fossilen Energien. Sie übergab das Wort mit der Frage, was Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft zu diesem Prozess beitragen können.

Dr. Sebastian Berger
Prof. Dr. Sebastian Berger

Der Hauptredner des Abends war Prof. Dr. Sebastian Berger. Er führte das Publikum in die aktuelle wissenschaftliche Datenlage rund um den Klimawandel ein. Hierbei kann klar gezeigt werden, dass die globale Durchschnittstemperatur stetig ansteigt. Dies muss als gesamtgesellschaftliches Problem angesehen und behandelt werden. Die Uhr für mögliche Veränderungen tickt und das Zeitfenster zur Abwendung einer Katastrophe schliesst sich sehr bald. 60% des Schweizer Energiebedarfs wird durch fossilen Brennstoff gedeckt. Wie kann das geändert werden?

Eine Möglichkeit besteht darin, dass wir alle unser Verhalten ändern. Sebastian Berger zeigte auf, dass Verhaltensforschung einen wichtigen Stellenwert im Energietransformationsprozess einnimmt. Nachhaltige Einstellungen führen aber leider nicht immer zu nachhaltigen Verhaltensweisen. Man nennt dies den „Attitude-Behavior-Gap“. Diese Kluft zwischen nachhaltigen Einstellungen und nachhaltigen Verhaltensweisen ist besonders gross, wenn man Verhaltensweisen mit sogenannte „high impact“ analysiert (Kurzstreckenflüge, Fleischkonsum, etc.). Sebastian Berger führte dies anhand eigener Studienresultate weiter aus. Diese zeigen, dass Passagier*innen ihren Flug nicht kompensieren wollen und dass kurzfristige Belohnungen in Form von Geld gegenüber einer nachhaltigen Option bevorzugt werden. Je stärker ausgeprägt die Selbstkontrolle einer Person ist, desto eher kann diese Person dem kurzfristigen Anreizen widerstehen und sich für die langfristige – in unserem Fall existenziell wichtige – Alternative entscheiden. Neben der Selbstkontrolle und den aktiven Entscheidungen von Verbraucher*innen spielen auch die Auswahlstruktur von angebotenen Energieverträgen selbst eine wichtige Rolle für unser Verhalten. Konsummöglichkeiten können von Beginn an aufgrund von gesetzlichen Vorgaben nachhaltiger gestaltet werden, so dass Verbraucher bei der Auswahl keinen grossen Eigenaufwand leisten müssen und damit die Wahrscheinlichkeit signifikant höher ist, dass sie sich für die nachhaltigere Hausenergieversorgung entscheiden. Die Verhaltensökonomie zeigt somit auf, dass unser Verhalten durch gezielte Anreize unter Berücksichtigung sozialpsychologischer Phänomene in Richtung Nachhaltigkeit beeinflusst werden kann.

Panelist*innen: Deepak Bansal, Dr. Ann-Kathrin Faust und Dr. Christoph Feldhau
Panelist*innen: Deepak Bansal, Dr. Ann-Kathrin Faust und Dr. Christoph Feldhaus (von links nach rechts)

Die Paneldiskussion wurde an diesem Abend von Dr. Ann-Kathrin Faust vom Bundesamt für Energie, Deepak Bansal von MQ Learning und Dr. Christoph Feldhaus von der Ruhr-Universität aus Bochum unter der Moderation von Sebastian Berger bestritten. Die Panelist*innen diskutierten diverse Aspekte zur Umsetzung der Energiewende und dessen Herausforderungen. Generell seien Unternehmen mittlerweile bereit dafür, mehr Geld für nachhaltigere Alternativen auszugeben, was durch den gesellschaftlichen Einfluss („public voicing“) angetrieben werde. Auch ist es weiterhin wichtig, Gesetzesentwürfe auf der Basis der Erkenntnisse der Verhaltensforschung zu gestalten, damit anschliessende Regulierungen effizient umgesetzt und etabliert werden können. Auch seien über die rein klimatechnischen Vorteile hinausgehende Co-Benefits zu betonen, die durch nachhaltigere Alternativen wie beispielsweise ein Umstieg vom Auto zu einem Lastenvelo entstehen: mehr Bewegung, höheres Wohlbefinden, bessere Gesundheit.

Jedoch ist die Klimakrise als Gesellschaftsproblem zu sehen, welches auf gesellschaftlicher Ebene gelöst werden muss, so warf Sebastian Berger ein. Ein systemischer Wandel kann aber durch einen vorherigen Wandel der Individuen angetrieben werden. Mit diesem Votum schloss die Paneldiskussion. Das IOP möchte sich an dieser Stelle erneut bei den Panelist*innen und Besucher*innen für die angeregte Diskussion bedanken.

Die nächste Edition von IOP trifft Praxis zum Thema "Beschützen oder opfern: wie managen Familienunternehmen existenzielle Krisen" wird am 26.10 2022 stattfinden. Eine Anmeldung hierfür ist ab sofort möglich.