28.06.2026 | Forschung | Dozierende

Wenn Kooperation zur Triebkraft wird

Was wäre, wenn unternehmerischer Erfolg und gesellschaftlicher Mehrwert keine Gegensätze wären, sondern sich gegenseitig verstärken? Genau dieser Frage widmet sich die Forschung zu Civic Wealth Creation und die Ergebnisse sind überraschend.

Text von Elisa Hulliger auf Grundlage des Videos Von der Karl Schlecht Stiftung.

Unternehmen schaffen Arbeitsplätze, zahlen Steuern, innovieren. Das gilt weithin als ihr gesellschaftlicher Beitrag. Doch Debora Read und Prof. Dr. Andreas Hack vom Institut für Organisation und Personal der Universität Bern sowie Prof. Dr. Sabrina Schell von der Berner Fachhochschule stellen diese Sichtweise in Frage. In ihrer gemeinsamen Arbeit «On the edges of civic wealth creation: From entrepreneurial spark to civic stewardship» zeigen sie, dass Unternehmertum weit mehr leisten kann: nämlich aktiv gemeinschaftlichen Wohlstand zu erzeugen. Für diese Forschung wurden sie 2025 mit dem KSG Best Entrepreneurship Research Award der Karl Schlecht Stiftung ausgezeichnet.

© Andreas Hack, Debora Read

Unternehmen schaffen Arbeitsplätze, zahlen Steuern, innovieren. Das gilt weithin als ihr gesellschaftlicher Beitrag. Doch Debora Read und Prof. Dr. Andreas Hack vom Institut für Organisation und Personal der Universität Bern sowie Prof. Dr. Sabrina Schell von der Berner Fachhochschule stellen diese Sichtweise in Frage. In ihrer gemeinsamen Arbeit «On the edges of civic wealth creation: From entrepreneurial spark to civic stewardship» zeigen sie, dass Unternehmertum weit mehr leisten kann: nämlich aktiv gemeinschaftlichen Wohlstand zu erzeugen. Für diese Forschung wurden sie 2025 mit dem KSG Best Entrepreneurship Research Award der Karl Schlecht Stiftung ausgezeichnet.

Im Mittelpunkt steht das Konzept der Civic Wealth Creation (CWC). Gemeint ist die Fähigkeit von Unternehmenden, über den eigenen Betrieb hinaus gesellschaftlichen Mehrwert für ihre Region zu schaffen: soziales Kapital, Vertrauen, geteiltes Wissen und gemeinschaftliche Infrastruktur. Civic Wealth umfasst damit nicht nur materielle Ressourcen, sondern auch immaterielle Güter wie Zusammenhalt, Gesundheit und soziale Teilhabe. Es ist Wohlstand, der allen gehört.

Ein zentrales Ergebnis der Forschungsarbeit ist, dass CWC keinem einmaligen Entscheid, sondern einem Entwicklungspfad folgt. Read, Hack und Schell beschreiben diesen Weg mit zwei Begriffen: dem «entrepreneurial spark» und der «civic stewardship». Am Anfang steht ein erster unternehmerischer Impuls, der über den eigenen Betrieb hinausweist. Am Ende steht die dauerhafte Bereitschaft, Mitverantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen. Dieser Wandel vollzieht sich selten als geplanter Grosswurf. Er entsteht organisch: aus einem konkreten regionalen Problem, einer unerwarteten Begegnung oder schlicht der Erkenntnis, dass der eigene Erfolg langfristig nur tragfähig ist, wenn auch das Umfeld wächst.

Was die Forschung dabei besonders sichtbar macht: Es braucht nicht zwingend grosse Institutionen oder viel Kapital, um diesen Prozess anzustossen. Oft genügt eine Begegnung zwischen Menschen mit unterschiedlichen Ressourcen und einem gemeinsamen Interesse an ihrer Region. Akteure aus Wirtschaft, Bildung und Zivilgesellschaft finden auf diese Weise zusammen und werden über die Zeit zu Trägern regionaler Stärke.

Civic Wealth Creation sollte nicht als philanthropisches Randphänomen missverstanden werden. Die Analysen zeigen, dass regionale Kooperation einer eigenen strategischen Logik folgt: Unternehmende, die Wissen teilen, Netzwerke öffnen und sich für den Nachwuchs engagieren, tragen zur Entstehung von Ressourcen bei, die kein Einzelakteur allein aufbauen könnte und von denen sie selbst langfristig profitieren. Soziales Kapital und ein dichtes regionales Ökosystem sind keine Weichfaktoren, sondern Grundlage nachhaltiger Wettbewerbsfähigkeit.

Für die betriebswirtschaftliche Forschung eröffnet das eine neue Perspektive: Kooperation wird nicht als Gegensatz zu Wettbewerb gedacht, sondern als komplementäre Strategie. Die Frage ist nicht mehr, ob Unternehmen gesellschaftliche Verantwortung übernehmen sollen. Die spannendere Frage lautet: Wie entsteht dieser Prozess überhaupt, und was befördert ihn?

Was in der Analyse beschrieben wird, ist kein akademisches Gedankenspiel. In Regionen, die mit strukturellem Wandel, Fachkräftemangel oder schwindenden öffentlichen Ressourcen konfrontiert sind, gewinnt die Frage, wie lokale Akteure gemeinschaftlich Wohlstand schaffen können, zunehmend an Dringlichkeit. Die Forschungsarbeit liefert dafür eine konzeptionelle Grundlage und zeigt auf, unter welchen Bedingungen Unternehmertum zu einem Motor für den Zusammenhalt einer Region werden kann.

Die mit dem KSG-Award ausgezeichnete Arbeit leistet damit einen wichtigen Beitrag zur wissenschaftlichen Fundierung eines Konzepts, das gerade jetzt gefragt ist: dass nachhaltiger Wohlstand nicht durch Einzelleistungen entsteht, sondern durch das bewusste Zusammenwirken vieler und dass Unternehmertum dabei eine Schlüsselrolle spielen kann, die über den Tellerrand der eigenen Bilanz hinausreicht.

© Andreas Hack, Debora Read